In den letzten Tagen ist die #metoo-Debatte in der österreichischen Filmbranche wieder aufgeflammt. Auf social media-Kanälen und auch in anderen Medien wird eine jahrzehntelange „Schweigekultur“ aufgebrochen, die Betroffenen trauen sich endlich zu sprechen und ihre Stimmen werden gehört.

Die Regisseurin und Produzentin Katharina Mückstein gab dafür den Anstoß. Als Reaktion auf ihre Instagram-Postings meldeten sich bisher hunderte Menschen und teilten anonymisiert ihre Erfahrungen, die sie an ihrem Arbeitsplatz (Filmproduktion und Theaterbühne) oder während ihrer künstlerischen Ausbildung machen mussten. Sie berichten von sexistischen Äußerungen, Demütigungen, ruf- und karriereschädigenden Interventionen, Mobbing, sexualisierten Übergriffen, Stalking, bis hin zu erzwungenem Oralverkehr und körperlicher Gewalt.

Klar ist, dass es sich hier nicht um Einzelfälle handelt, sondern um ein etabliertes und toleriertes System des Machtmissbrauchs, das als „normal“ angesehen wird. Die hierarchischen und prekären Arbeitsbedingungen und die damit verbundenen Abhängigkeitsverhältnisse in unserer Branche haben sowohl die Betroffenen, als auch die Zeug*innen der Übergriffe zum Schweigen gebracht. Indem in der Branche nicht darüber geredet wird, entziehen wir uns dem großen Unbehagen, das diese Konfrontation hervorruft. Die Täter*innen können ungehindert Karriere machen.

Statt die Betroffenen zu schützen, schützen wir durch unser Schweigen die Täter*innen!

Die berechtigte Angst der Betroffenen, dass es zu einer Schuldumkehr kommt und ihnen nicht geglaubt wird, hält die meisten davon ab, juristische Schritte zu unternehmen. Die Einschüchterung durch die Täter*innen, in den meisten Fälle sind es Männer, die imstande sind Betroffene durch Gerichtsverfahren finanziell zu ruinieren, zeigt seine Wirkung. Viele Betroffene befürchten auch, wenn sie sprechen, ihre Arbeit zu verlieren.

Sophie Rendl vom Verein Vertrauensstelle gegen Machtmissbrauch, Belästigung und Gewalt in Kunst, Kultur und Sport, der im Herbst 2022 seine Arbeit aufnimmt, verweist auf Ergebnisse von Erhebungen im Rahmen einer Recherche im Jahr 2021, die den Umfang des Problems in der österreichischen Kunst- und Kulturlandschaft sehr deutlich aufzeigen. Laut einer Online-Umfrage für Beschäftigte und potenziell Betroffene waren nur 170 (27,29 Prozent) von 623 Teilnehmer*innen NICHT von Diskriminierung, Machtmissbrauch, Belästigung oder Gewalt betroffen.

Zum momentanen Zeitpunkt gibt es keine Struktur in der österreichischen Film- und Kulturbranche die Betroffene dazu ermutigt und dabei unterstützt, sich zu wehren. Es gibt bisher keine zentral gesammelte Dokumentation und damit auch keine Aufarbeitung der Vorfälle. Es gibt keine Guideline für Produzent*innen, Regisseur*innen oder andere Teammitglieder, wie sie mit der Situation umgehen können, wenn sich Täter*innen unter ihren Kolleg*innen befinden. Es ist Zeit zu handeln!

 

FC Gloria und die aktuelle #metoo Debatte:

Einzelne Kolleg*innen und das Kollektiv #dieregisseur*nnen (INSTAGRAM) waren in den letzten zehn Tagen sehr aktiv in der Debatte, vor allem auf dem Kanal von Instagram.

Der Vorstand von FC Gloria – Frauen, Vernetzung, Film hat sich in einer Sitzung letzte Woche dazu entschlossen seine Tätigkeiten in dieser Sache, wie auch bisher, auf nachhaltige Veränderung der vorherrschenden Strukturen zu konzentrieren.

Wir werden uns dafür einsetzen, dass die aktuellen Ereignisse ein Anstoß zu tatsächlicher Veränderung sind. Menschen, die im Zusammenhang mit einer Filmproduktion oder während ihrer Filmausbildung von Gewalt, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Mobbing und sexualisierten Übergriffen betroffen sind, brauchen eine Struktur, die sie unterstützt und schützt. Die Branche braucht Strukturen, Umgangsweisen und einen Verhaltenscodex, die Diskriminierung und Gewalt vorbeugen. Folgende Bereiche sind hierfür im Focus unserer nächsten Aktivitäten.

•    Vernetzung von Filmmacher*innen, Förderinstitutionen und Beratungsstellen zur Lokalisierung der tatsächlichen Schwachstellen und Anregen eines gemeinsamen Dialogs auf der Suche nach Lösungen für ein angstfreies Arbeitsumfeld

•    Juristische Intervention ist ein besonders wichtiges und effizientes Werkzeug für strukturelle Veränderung und kann neben dem vorherrschenden Angebot ausgebaut werden, um Betroffene finanziell und juristisch unterstützen zu können

•    #metoo – Diskussionssalon im Oktober Wir planen eine Veranstaltung mit dem großen Themenkomplex, der hinter #metoo steht. Wir möchten u.a. folgende Fragen stellen und gemeinsame Lösungsansätze finden:

° Gerüchte in gesicherte Fakten umwandeln: Wann darf was gesagt werden?

° Wie können Regie, Produktion und Filmförderinstitutionen damit umgehen, wenn in der Vorbereitung, während der Produktion oder während der Verwertungszeit eines Films strafrechtlich relevante Vorwürfe gegen ein Teammitglied öffentlich werden?

° Wie kann man die Durchlässigkeit der Kommunikation verbessern und eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen, damit betroffene Menschen ermutigt werden über Übergriffe, die sie auf dem Arbeitsplatz Filmproduktion erlebt haben, zu sprechen?

° Welcher Werkzeuge bedarf es um eine respektvolle und angstfreie Arbeitsatmosphäre für alle Beteiligten zu schaffen?

Wir möchten euch auf die themenspezifischen Beratungsstellen hinweisen, die in unterschiedlichen Situationen Unterstützung anbieten. Bitte nehmt diese Angebote in Anspruch! Sie sind kostenlos und es gibt bereits viele Betroffene, die gute Erfahrungen damit gemacht haben. Links von Beratungsstellen findet ihr unten.

Ebenso unten angefügt eine Sammlung von Pressestimmen und Medien-Links zu den aktuellen #metoo-Geschehnissen.

Wir wissen, das ist nur ein Anfang – wir machen uns an die Arbeit, denken weiter und halten euch am Laufenden.

 

INFOS BERATUNGSSTELLEN

#we_do

Mit #we_do! hat der Dachverband der Österreichischen Filmschaffenden eine Anlauf- und Beratungsstelle gegen Diskriminierung und Ungleichbehandlung, Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffe und Verletzungen im Arbeitsrecht – für alle, die in der österreichischen Film- und Fernsehbranche tätig sind, geschaffen. Neben ihrer Beratungstätigkeit dokumentiert #we_do! jährlich die anonymisierten Vorfälle, die von Betroffenen oder von Zeug*innen gemeldet wurden. Diese Sammlung wird dann von Expert*innen in einem Bericht aufgearbeitet. Auf Basis der gesammelten Fälle werden strukturelle Lösungen für eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse erarbeitet. Führungskräfte können sich bei #we_do! über Präventionsmaßnahmen und Regelungen informieren.

#Vertrauensstelle gegen Machtmissbrauch, Belästigung und Gewalt in Kunst, Kultur und Sport (ab Herbst 2022)

Die unabhängige Vertrauensstelle wird im 3. Quartal des Jahres 2022 ihren Betrieb aufnehmen. Sie dient als Anlaufstelle für Beschäftigte aus Kunst, Kultur und Sport und hat zum Ziel, Betroffene über ihre Rechte und über ihre Handlungsmöglichkeiten zu informieren. Fast genauso wichtig wie die Einzelfallberatung ist Grundlagen- und Präventionsarbeit zur Erreichung eines nachhaltigen Kulturwandels. Es muss darüber aufgeklärt werden, dass Machtmissbrauch, Belästigung und Gewalt in Kunst, Kultur und Sport ein systemimmanentes Problem sind. Angestrebt wird ein Klima der Solidarität, in dem sich alle angstfrei und ohne Einschränkung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten gegen Gewalt, Diskriminierung oder sexuelle Belästigung zur Wehr setzen können. Es ist wichtig, die Aufmerksamkeit weg von einer individuellen Verantwortung der betroffenen Personen und hin zu einer kollektiven gesellschaftlichen Verantwortung zu lenken. Denn nur so gelingt es letztlich, eine Ausübung von Kunst, Kultur und Sport frei von Diskriminierung und Gewalt zu garantieren.

 

#Tamar

Tamar ist eine Beratungsstelle für Mädchen*, Frauen* und Kinder die sexualisierte Gewalt oder sexuellen Missbrauch erfahren mussten und bietet Unterstützung für betroffene Personen und deren Angehörige oder Bezugspersonen. Es werden Beratungsgespräche und im Falle einer Anzeige juristische sowie psychosoziale Prozessbegleitung im Strafverfahren angeboten, für Kinder und jugendliche Mädchen* gibt es eine kleine Anzahl von Psychotherapieplätzen. Für Frauen* können wir ebenfalls eine begrenzte Anzahl von Psychotherapieplätzen bei unseren Psychotherapeut*innen in Ausbildung unter Supervision anbieten. Weiters werden für Kolleg*innen anderer Institutionen ebenfalls Beratungsgespräche und Supervisionen angeboten. In der Tamar-Beratungsstelle arbeiten qualifizierte Psychotherapeut*innen, Pädagog*innen und Psycholog*innen. Tamar arbeiten mit Rechtsanwält*innen und Ärz*tinnen zusammen.

 

 

PRESSESSTIMMEN

MeToo-Debatte in der österreichischen Filmszene

fm4

 

Wie die Filmakademie Wien mit den Vorwürfen der sexuellen Belästigung umgeht

fm4

 

Nach fünf Jahren #MeToo erreicht auch Österreich

ORF

 

Zahllose Berichte zu Sexismus: #MeToo, die deutschsprachige Fortsetzung

Der Standard

 

Regisseurin stößt österreichische MeToo–Debatte an

Die Presse

 

Aufschrei der Regisseurin Katharina Mückstein: #MeToo lebt!

PROFIL

 

#MeToo: Warum jetzt unzählige Berichte zu Sexismus, Rassismus & Machtmissbrauch in der österreichischen Filmbranche auftauchen

MISS

 

#katharina_karli_pincopallina/

INSTAGRAM

 

#dieregisseur*nnen

INSTAGRAM

 

#we_do Anlaufstelle

INSTAGRAM