Grafik © Catharina Ballan

Der DIAGONALE TALK zum Nachhören

Female Perspectives am 9.4. auf der Diagonale. Eine Nachschau.

Der Andrang war groß und das Interesse, an einem aktiven Austausch und einer Diskussion noch größer:
nachdem die Dokumentarfilmregisseurin Isa Willinger mit ihrer Arbeitsthese, dass Frauen härter Filme machen, über die Arbeit an ihrem Dokumentarfilm „No Mercy. The Female Gaze“ erzählt hat, gab Marie Kreutzer Einblicke in ihren aktuellen Film, der noch in Postproduktion ist. In „Corsage“ geht es um eine mächtige Frau und die Mechanismen, die ihr das Wort verbieten und sie als älter werdende Frau in die Unsichtbarkeit drängen wollen.
Das erstaunliche an diesem spannenden Panel, moderiert von Djamila Grandits, war, dass sich viele in dem voll besetzen Salon Frühling bewußt wurden: Wir haben die Diskussion über eine feministische Filmsprache und die Frage, welche Filme wollen wir machen und sehen und aus welcher Perspektive wollen wir sie erzählen, noch selten gemeinsam und öffentlich besprochen. Deshalb war das spürbar erst ein Anreißen des Themas.

1. Panel | FEMALE GAZE
Über die Grammatik einer neuen feministischen Filmsprache
Welche Filme wollen wir machen? Welcher Filmsprache wollen wir uns bedienen?
Welche Bilder und Codes gilt es zu entwickeln und gestalten, die eine feministische
Sichtweise auf Menschen und die Welt in unseren Filmen abbilden können?

Djamila Grandits im Gespräch mit den Regisseurinnen Isa Willinger, Dokumentarfilm und Marie Kreutzer, Spielfilm.

Im zweiten Panel moderiert von Elisabeth Scharang kam dann alles anders als geplant: nach sieben Minuten schon hoben die ersten im Publikum die Hände. Die Diskussion wurde geöffnet und das hat sich bis zum Schluß durchgezogen. Wer darf was in einem Film spielen? Ausschließend, einschließend – wo wollen wir mit einer Debatte über eine diverse Filmlandschaft hin? Marie Noel, Autorin und Schauspielerin, beeindruckte durch klare Worte über die oft vorgeschobene Beschäftigung von Produktionsfirmen mit dem Thema Diversität: als Sensitivity Reader bekommt sie oft eine Woche vor Drehbeginn ein Drehbuch, um den Stoff auf zb Rassismus & Sexismus zu checken. „Dabei weiß ich, es ist meist egal, was ich sagen, gedreht wird ohnedies.“ Salma Abdalla vom Weltvertrieb Autlook brach „schweren Herzens“ eine Lanze für die Streamingdienste, weil dort im Vergleich zu den meisten TV Sendern das Bewusstsein für Diversität und Gleichstellung viel weiter sei, der Produzent Frank Buchs, der ua für Sky Deutschland gearbeitet hat, bestätigt das. Daraufhin begann die Diskussion mit dem Publikum über Schein und Sein: was wird behauptet und was erleben wir in unserem Arbeitsalltag.

2. Panel | QUOTE FILM INTERNATIONAL
Diversität als Geschäft. Aktuelle Positionen aus der filmpolitischen Praxis.
Welchen Einfluss hat die öffentliche Diskussion über Diversität und Geschlechter- gerechtigkeit auf die Programmierung von Festivals, Weltvertrieben, Verleihen und Produktionsfirmen? Ist Diversität vor und hinter der Kamera bei Streamern Realität oder Marketingkonzept?

Elisabeth Scharang diskutiert mit Salma Abdalla, Weltvertrieb Autlook, mit Marie Noel, Autorin und Schauspielerin und dem deutschen Filmproduzenten Frank Buchs.

Der Salon Frühling im Hotel Wiesler in Graz war restlos gefüllt.

Am Ende luden #dieregisseur*nnen zu einem Glas Wein ein und viele sind noch geblieben. Es war einfach , miteinander ins Gespräch zu kommen, es wurde einander vorgestellt, weitergereicht, gelacht, Contra gegeben und getrunken. Viele haben einander neu kennengelernt und Pläne wurden geschmiedet. Klar war jedenfalls: Wir wollen einen offen Austausch untereinander – und wir wollen davon mehr.

#dieregisseur*nnen sind ein Zusammenschluss aus 40 Filmregisseur*innen, die im Herbst letzten Jahres aus dem Verband Filmregie Österreich ausgetreten sind, um sich nach den Grundsätzen der Transparenz, der Solidarität und einem Bekenntnis zu Diversität und Geschlechtergerechtigkeit zu organisieren.

 

ZU DEN PERSONEN

Background Djamila Grandits: Die Kuratorin, Kulturarbeiterin und Moderatorin ist Teil von „CineCollective – Filmkulturen und kuratorische Praxis“. Sie ist mitverantwortlich für Umsetzung und Konzeption von Kaleidoskop – Film und Freiluft und macht Programmarbeit für DOK Leipzig, frameout – digital summer screenings und tricky women / tricky realities.

Background Marie Kreutzer: Sie schließt 2005 das Drehbuchstudium an der Filmakademie Wien ab und gewinnt mit ihrem ersten Langfilm „Die Vaterlosen“ den Großen Preis auf der Diagonale. 2019 zeigt Marie Kreutzer ihren Film „Der Boden unter den Füßen“ im Wettbewerb auf der Berlinale. Zurzeit ist sie in der Fertigstellung von „Corsage“, einer internationalen Co-Produktion. Der Film erzählt über die 40jährige Elisabeth, Kaiserin von Österreich, ein im ausgehenden 19. Jahrhundert gleichermaßen angehimmeltes wie kritisch beäugtes Role Model. Filmpolitisch ist Marie Kreutzer im Drehbuchverband tätig und Mitglied von #dieregisseur*nnen.

Background Isa Willinger: Die Regisseurin studierte bis 2013 in München Dokumentarfilmregie, veröffentlichte 2013 ein Buch über das Werk der russisch-ukrainischen Regisseurin Kira Muratova und wurde mit ihrem Debutfilm „Hi, AI. Liebesgeschichten aus der Zukunft“ mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. Zurzeit arbeitet Isa Willinger an einem Dokumentarfilm, der sich mit dem „weiblichen Blick“ im Film beschäftigt.

 

Background Elisabeth Scharang: Sie ist seit zwanzig Jahren als Regisseurin und Drehbuchautorin für Spiel- und Dokumentarfilme erfolgreich. Zurzeit ist ihr neuer Spielfilm WALD in Postproduktion und ein Dokumentarfilm über den globalen Massenmord an Frauen in der Finanzierung. Filmpolitisch engagiert sich Elisabeth Scharang im Vorstand des Filmfrauennetzwerks FC Gloria und ist Teil der Kooperative #dieregisseur*nnen. Sie moderiert regelmäßig kulturpolitisch- und gesellschaftspolitische relevante Gespräche in Ö1, für FM4 und für das Kreisky Forum.

Background Salma Abdalla: Sie ist Geschäftsführerin des Dokumentarfilmvertriebs Autlook, einer der führenden Weltvertriebe für Dokumentarfilme, Hybride und Doku-Serien. Autlook steht für maßgeschneiderte Vertriebs-, Verkaufs- und Festivalstrategien, die dazu beitragen, die Einnahmen zu erhöhen, das Interesse des Publikums anzufachen und die Karrieren von Filmemacher*innen damit zu fördern.

Background Marie Noel: Die Autorin und Schauspielerin gründet 2020 gemeinsam mit Drehbuchautorin Malina Nwabuonwor das Schreibkollektiv MELANIN SCRIPTS. Das Ziel der beiden österreichischen Autorinnen: Filme und Serien mit komplexen Protagonist*innen auf kleine Bildschirme und große Leinwände zu bringen.
Neben ihren eigenen Projekten arbeitet Marie Noel derzeit als Sensitivity Reader für eine Warner Bros Produktion. Sie ist Gründerin des Vereins Schwarze Filmschaffende.

Background Frank Buchs: Er war Produzent für die Bavaria Studios, sowie für Sky Deutschland als Director of Production für über hundert internationale Film- und Serienproduktionen verantwortlich, u.a. „Babylon Berlin“, „Young Pope“, „Every Breath you Take“, „Das Boot“. Seit 2020 arbeitet er für NDF International Pictures als Line Producer mit Frank Doelger (Game of Thrones) bei der Mega-Serie „Der Schwarm“.

 

Magdalena Miedl schreibt auf orf.at über die Veranstaltung.