Statistik zum Genderbudgeting in der österreichischen Filmbranche

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Auswertung der Förderzusagen
Österreichisches Filminstitut und Filmfonds Wien 2011-2015

 

Statistik schafft Realität. Unterschiedliche Darstellungen der Zahlen zur Vergabe von Fördermitteln führen zur Abbildung unterschiedlicher Aspekte der Wirklichkeit. FC Gloria hat daher sämtliche Förderzusagen der beiden höchstdotierten Förderstellen des Landes -Österreichisches Filminstitut und Filmfonds Wien – aus den Jahren 2011 bis 2015 geschlechtsspezifisch ausgewertet.

Interessant für FC Gloria war nicht nur die Frage nach der Anzahl von geförderten Frauen und Männern, sondern vor allem auch, welcher Anteil der Fördermittel an welches Geschlecht vergeben wurde. Diese Perspektive auf die Zahlen ergibt gemeinsam mit den „Pro-Kopf“-Auswertungen, die von den Förderstellen vorgelegt werden, eine interessante Darstellung der Mittelvergabe in der österreichischen Filmbranche. Ausgangspunkt für diese Untersuchung waren die offiziellen Zahlen des ÖFI und des FFW, die Auswertung erfolgte in Absprache mit den beiden Förderstellen. Bei der Methodik der Auswertung orientierten wir uns an einem Rechenmodell, das das Schwedische Filminstitut für seine Evaluierungen anwendet.

Das schwedische Berechnungsmodell

Die Verteilung der Fördergelder wird anhand von drei Schlüsselbereichen ausgewertet: Drehbuch, Regie und Produktion. Bei diesem Berechnungsmodell werden die zugesagten Mittel je Förderstelle für einen Film also gedrittelt und dem „Männer- bzw. Frauenkonto“ zugeordnet.* Wenn beispielsweise der Produzent männlich ist, wird der gesamte Anteil im Budgetdrittel Produktion dem Männerkonto zugeordnet, wenn die Produktion von einem Team aus einem Mann und einer Frau durchgeführt wird, werden die Mittel je zur Hälfte dem Männer- bzw. Frauenkonto zugeordnet.

Zur Veranschaulichung ein Beispiel: Eine Förderstelle fördert einen Film mit 3 Millionen Euro

Produktion / 1 Mann / 1 Mio Euro Männeranteil
Drehbuch / 1 Frau / 1 Mio Euro Frauenanteil
Regie / 1 Mann / 1 Mio Euro Männeranteil

1 Million Euro werden dem „Frauenkonto“ zugerechnet, 2 Millionen Euro werden dem „Männerkonto“ des Jahresbudgets der jeweiligen Förderstelle zugerechnet.

FC Gloria ist interessiert an einem transparenten Bild der Vergabe von Fördermitteln. Dafür ist ein differenziertes Berechungsmodell, das nicht nur Pro-Kopf-Zahlen, sondern auch die Un-/Ausgeglichenheit der Geschlechteranteile in Bezug auf die Fördersummen aufzeigt, extrem wichtig – sowohl in den jeweiligen Projektphasen (Stoff- u. Projektentwicklung, Herstellung), als auch in den jeweiligen Berufsgruppen Drehbuch, Regie & Produktion. Denn oft sieht das Personenverhältnis nicht so schlecht aus, wie das Verhältnis der vergebenen Fördermittel.
Ein Beispiel: Werden 9 Filme gefördert, bei denen 3 Frauen und 6 Männer Regie führen, ergibt das Personenverhältnis 33% zu 67%; schaut man sich aber die vergebenen Fördersummen dieser 9 Filme nach dem schwedischen Rechenmodell an, kann es sein, dass die 3 Filme der Regisseurinnen nur 20% der Fördermittel erhalten. Reine Pro-Kopf-Berechnungen verschleiern den Zusammenhang zwischen Geschlecht und Budgethöhe.

Ein weiterer Vorteil dieses Berechnungsmodells ist, dass der Frauenanteil nicht nur in Bezug auf die Position Regie berechnet wird. Die Ausweitung auf derzeit drei Schlüsseldepartments erhöht die statistische Möglichkeit, den Frauenanteil in Projekten deutlich zu steigern und damit auch den Spielraum für die Zusammensetzung von Teams.

Strukturelle Ungleichheiten auflösen, neue Perspektiven schaffen

Strukturelle Ursachen für das eklatante Missverhältnis zwischen den Geschlechtern in der Fördermittelvergabe lassen sich unserer Meinung nach mit diesem Modell deutlicher identifizieren. Somit kann auch konkreter an Lösungen für eine ausgeglichene Film- und TV-Landschaft in Österreich gearbeitet werden.

Es ist ein Ziel von FC-Gloria, dass die Fördermittel in absehbarer Zeit 50/50 vergeben werden, denn nur das wäre fair. Die Einführung einer Quote ist ein Anreiz für Produktionsfirmen, sich nach Frauen umzusehen und mit diesen Projekte zu entwickeln und zu realisieren. Eine Voraussetzung für die Umsetzung einer Quote ist es natürlich, dass es mehr Einreichungen von Projekten mit Frauenbeteiligung geben muss, als das zurzeit der Fall ist. Die Grundlage dafür muss durch entsprechende Maßnahmen geschaffen werden, um die Schieflage zwischen den Geschlechtern auszugleichen. Denn die differenzierte Analyse der Zahlen zeigt, dass Frauen nach der Ausbildung derzeit nicht die gleichen Chancen offenstehen wie Männern.

Das zeigt sich auch daran, dass seit geraumer Zeit rund 40% der Studierenden, die ihr Studium an der Filmakademie Wien abschließen, Frauen sind, aber bei weitem nicht alle in den jeweiligen Berufsgruppen ankommen. Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass es gegenwärtig genügend gut ausgebildete Frauen gibt, um mit der Einführung einer Quote zeitnah 40% des Geldes an Frauen vergeben zu können.

Die Umsetzung einer verbindlichen Quote würde innerhalb einiger Jahre den Frauenanteil bei den Einreichungen erhöhen und auch die Strukturen brechen, die Frauen vom Arbeiten mit hohen Budgets abhalten. Ein Verhältnis 50/50 wäre Schritt für Schritt erreichbar.

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Die Quote als pragmatisches Instrument

Der Widerstand gegen die Quote hat mit Macht zu tun: Mit der Macht, den Diskurs zu bestimmen, mit der Macht, die Fördermittel in hohem Maß zu beanspruchen. Der Vorteil einer Quotenregelung ist, dass solche Machtstrukturen gebrochen und in Absprache mit der Branche realistische Schritte festgelegt werden können, um geschlechtergerechte Bedingungen zu schaffen. Aber dass Veränderungswünsche immer mit Widerständen einhergehen, ist kein neues Phänomen und daher ist es wenig überraschend, dass auch in der Quotendiskussion der rationale Diskurs oft in den Hintergrund gedrängt und zwei Ebenen vermischt werden: Die strukturelle Ebene, die zu dem derzeitigen Missverhältnis führt, und die Ebene des individuellen Projekts.

Aber das ist ein klassisches Missverständnis der Idee, die hinter der Quote steht: Die Quote ist ein gesellschaftspolitisches Steuerungsinstrument, nicht ein Instrument der Einflussnahme auf einzelne Projekte. Auf struktureller Ebene gibt es Missstände, die behoben werden müssen – darüber sind sich mehr oder weniger alle einig. Doch sobald es um konkrete Maßnahmen geht, versteckt man sich hinter der Befürchtung, dass dies eine unzulässige Einmischung in den künstlerischen Prozess bedeute.

Natürlich soll weiterhin die Umsetzung aller Arten von Filmen möglich sein, natürlich würde es weiterhin möglich sein, ein reines Männer- oder auch ein reines Frauenprojekt zu machen, wenn der kreative Prozess es erfordert.
Aber die Quote wäre ein Anreiz, mit den vielen qualifizierten Frauen, die derzeit im Film- und Fernsehbereich arbeiten, auch neue Perspektiven für den österreichischen Film zu entwickeln.

Eines der Totschlagargumente gegen die Quote ist die Frage nach der künstlerischen Freiheit, doch dieses Argument hinkt. Bei Quoten geht es nicht um den Geschlechterkampf oder darum, „Männerprojekte“ zu bestrafen, sondern Frauen die gleichen Chancen zu geben. Quoten sollen nicht einzelne Projekte verhindern, sondern in einem bestimmten Zeitraum eine gerechte Vergabe der Mittel ermöglichen. Frauen wurden bisher nie bevorzugt – auch für die abschätzig so genannten „Quotenfrauen“ gilt der Grundsatz: Bei gleicher oder besserer Qualifikation. Auch die Quote würde das nicht ändern, sie würde nur dafür sorgen, dass Frauen mehr Chancen bekommen und ebenso in die engere Wahl einbezogen werden, wie ihre männlichen Kollegen. Die Quote ist ein Mittel, einen fairen Wettbewerb zu ermöglichen!

Qualität ist keine Frage des Geschlechts

Diskussionen rund um die Quote sind oft begleitet von der Frage nach der Qualität. Quote versus Qualität oder doch Qualität durch Quote? Diese Gegenüberstellung ist wenig sinnvoll und geht am Kern der Sache vorbei, suggeriert sie doch, Frauen seien die schlechteren Filmschaffenden. Vielmehr sollte man sich andere Fragen stellen:

Wir leben in einer Welt voller Laufbilder. Die Inhalte und Erzählweisen, die über das bewegte Bild transportiert werden, sind stark meinungs- und kulturbildend. Die Bilder, die wir konsumieren, prägen uns in unseren Wertvorstellungen, sie prägen uns in der Idee davon, wie wir sein wollen. Was passiert also mit einer Filmlandschaft, in der die weibliche Perspektive an den Rand gedrängt wird? Vielfalt bereichert unsere Gesellschaft und aus der Vielfalt entsteht Qualität!

Der unverhältnismäßig hohe Anteile an Männern in der Filmproduktion wird nie mit einer Qualitätsdiskussionen verbunden – zumindest nicht mit einer Qualitätsdiskussion, die rein geschlechtsbezogen geführt wird. Warum also sollte dies bei Frauen akzeptabel sein? Warum sollte es in Ordnung sein, dass Männer immer weiter einen großen Teil der Fördermittel beziehen, während Frauen sich bezüglich ihrer Fähigkeiten, Qualifikationen und ihres Anrechts auf diese Fördermittel rechtfertigen müssen? Ob ein Stoff Potenzial hat, ob ein Film gelingt oder nicht, hängt von vielen Aspekten ab – Geschlecht sollte keiner sein!

Wie ist es möglich, dass die Filmakadamie als Hauptausbildungsstätte des heimischen Filmnachwuchses seit Jahren ca. 40% weibliche Absolventinnen hat, aber die „Qualität“ der Frauen angeblich so viel schlechter ist? Es ist sozialwissenschaftlich belegt, dass Verhalten, das bei einem Mann „sympathisch“ und „kompetent“ erscheint, bei einer Frau schnell als „arrogant“ oder „dominant“ abgetan wird. Frauen werden negativer beurteilt als Männer, Lebensläufe anders bewertet, wenn der Name einer Frau oder eines Mannes darübersteht. Männer sind oft durch Empfehlungen und gut ausgebildete Netzwerke erfolgreich, während dies bei Frauen selten der Fall ist und sich ihre Karrieren bei gleichwertiger Ausbildung deutlich schlechter entwickeln. Qualität ist also eine Frage von Einschätzung und Geschmack! Wer Qualität pauschal über das Geschlecht definiert, verweigert sich einer differenzierten Diskussion und fördert die strukturelle Benachteiligung von Frauen.

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Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis ist das Ziel, das im großen Zusammenhang angestrebt wird, nicht als Zwangsmaßnahme oder als Einschränkung der Wahlfreiheit im einzelnen Fall. Und im großen Zusammenhang gibt es definitiv genügend Spielraum, um den Frauenanteil zu erhöhen, auch wenn dies nicht auf jedes Projekt zutreffen kann oder muss. Daher sind wir stolz, wenn wir als Quotenfrauen identifiziert werden und wir sollten mehr werden!

 

Geschlechterverhältnisse in der Födermittelvergabe: Österreichisches Filminstitut und Filmfonds Wien 2011-2015

 

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Orange: Frauenanteil in % nach dem schwedischen Berechnungsmodell
Blau: Männeranteil in % nach dem schwedischen Berechnungsmodell

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